Felix Cœli Porta
{Es ist mir eine große Freude, hier bei Ihnen zu sein, bei diesem besonderen und sehr intimen, fast schon geheimen Anlass. Wie die englischen Katholiken zur Zeit des Puritaners Cromwell oder die Vendéer zur Zeit der Französischen Revolution, so sind auch wir gezwungen, provisorische Kapellen und Gebetsstätten einzurichten, während uns unsere schönen Kirchen – die herrlichen Kirchen Venetiens! – verboten sind. Und wie die englischen Katholiken oder die Vendéer haben auch wir nichts an unserem Glauben, unserer Art zu beten, unserer Treue zur römisch-katholischen Kirche und zum Papsttum geändert. Vielmehr sind es jene, die uns des Schismas bezichtigen und uns exkommunizieren, die Irrtümer – die die Päpste stets verurteilt haben – und Abweichungen eingeführt haben, die sie in sechzig Jahren unerbittlicher Indoktrination durchzusetzen vermochten.
Doch wie der heilige Athanasius über die Arianer sagte: Sie haben die Kirchen, wir den Glauben. Und genau das, liebe Freunde, ist die Realität, vor der wir stehen. Eine eschatologische Realität, eine „Apokalypse“, also eine Offenbarung, eine Enthüllung. Wir sehen hilflos zu, wie die große Apostasie voranschreitet, wie das Böse entfesselt wird und wie uns eine synkretistische, freimaurerische Pseudoreligion aufgezwungen wird. Unsere Städte sind nicht wiederzuerkennen, entstellt von Kriminellen und Barbaren, überrannt von jenem Islam, gegen den die Serenissima (traditionelle Bezeichnung für die Allerdurchlauchtigste Republik Venedig) in Lepanto gekämpft und gesiegt hat. Unsere Familien werden immer ärmer, die Zukunft unserer Kinder immer ungewisser. Und doch sprechen die Medien von Freiheit, während sie kritische Stimmen zensieren, von Demokratie, während sich die Tyrannei festigt, von Aufnahme, während sie abweichende Meinungen ausgrenzen. Doch wir wissen, dass sich das Geschehene nur erklären lässt, wenn man die Ereignisse mit den Augen des Glaubens, mit einem übernatürlichen Blick liest und versteht; mit der Beklommenheit dessen, der die Zeiten der Prüfung und der Verfolgung näherkommen spürt, aber gleichzeitig neue Freundschaften entdeckt, neue Mitstreiter, Menschen, die bis gestern noch namenlos waren und von denen wir nun die Entschlossenheit, den großzügigen Mut, den übernatürlichen Geist und den Wunsch entdecken, mit anderen Brüdern die kleinen und großen Tröstungen zu teilen, die der Herr uns gewährt.
Wenn es an diesem Ort möglich ist, traditionelle Katholiken um den Altar herum zu versammeln, dann deshalb, weil der Glaube, der euch beseelt, ein natürliches Bedürfnis hat, sich konkret in guten Werken zu verwirklichen. Und welches Werk ist verdienstvoller, als ein Hausoratorium zur Verfügung zu stellen, wo ein Priester kommt, um das Heilige Opfer zu feiern und eure Seelen am eucharistischen Tisch zu nähren? Was für ein großes Geschenk ist es, an der treuen Bewahrung der Heiligen Messe und der gesunden Lehre mitzuwirken, wie ihr es mit so großem Eifer tut!
Eure Opfer, euer Engagement, die Tugend der Nächstenliebe, die sich in konkreten Taten niederschlägt, und die Gnade, die sie zur Vollendung führt, haben all dies möglich gemacht. Und um den überaus spirituellen Charakter unserer Begegnung zu besiegeln, gibt es den besonderen Schutz über diesen Ort, der der allerseligsten Jungfrau Janua Cœli geweiht ist – eine alte Anrufung, die tief in der Tradition der Kirche verwurzelt ist und die Rolle der allerseligsten Maria als Weg zum Himmel zum Ausdruck bringt, da sie Mutter Gottes, Miterlöserin und Mittlerin aller Gnaden ist.
Durch sie ist unser Herr Jesus Christus, das einzige Tor zur Erlösung, durch die Menschwerdung in die Welt eingetreten, und wir können in die ewige Herrlichkeit eintreten, indem wir ihn als unseren Erlöser anerkennen und seinem heiligen Gesetz gehorchen. Ego sum ostium. Per me si quis introierit, salvabitur (Joh 10,9): Ich bin die Tür. Wer durch mich eintritt, wird gerettet werden.
Terribilis est locus iste: hic domus Dei est, et porta cæli (Gen 28, 17); ‘dieser Ort ist furchtbar: Dies ist das Haus Gottes und das Tor zum Himmel.’ Es sind die Worte, mit denen Jakob die Gegenwart Gottes nach der Vision der Paradiesleiter[1] und der Verheißung einer zahlreichen Nachkommenschaft erkennt. Dieses domus Dei (‘Haus Gottes’) erstrahlt nicht durch Marmor und Ornamente, sondern durch das Blut des Lammes, da sich auch auf diesem Altar, wie auf Golgatha, das Opfer des Kreuzes mystisch erneuert. Auch die heilige Maria ist Domus Dei, denn sie hat den ewigen Sohn des Vaters in ihrem Schoß aufgenommen; auch sie ist Janua Cœli, (‘Pforte des Himmels’), denn durch ihr fiat ist das Wort in die Welt gekommen und hat uns den Zugang zum Heil eröffnet. So wird diese Kapelle zum Ort, an dem Gott unter den Menschen wohnt, so wie Maria das lebendige Heiligtum – Fœderis Arca (‘Arche des Bundes’) – und das Tor ist, das unser Herr als einzigen Weg gewählt hat, um zu Ihm und von Ihm zum Vater zu gelangen. Ad Jesum per Mariam. Sie ist die Domus aurea (‘Goldenes Haus’), also der Palast des Kaisers: Siehe, die Wohnung Gottes unter den Menschen; er wird unter ihnen wohnen (Offb 21,3).
So wie die Jungfrau und Mutter der einzige Weg ist, um zum göttlichen Sohn zu gelangen, aufgrund ihrer universalen Mittlerschaft, so ist auch die Heilige Kirche die einzige Arche der Erlösung, um das stürmische Meer des irdischen Lebens zu durchqueren und das Ziel der ewigen Seligkeit zu erreichen. Denn niemand kann sich retten, außer durch die Kirche und durch diejenige, die ihre Mutter und Königin ist.
Eine einzige – so sagt die göttliche Weisheit im Hohelied – ist meine Vollkommene (Hl 6,8). Eine einzige, so wie die Heilige Kirche eine einzige ist. Und auf diese Kirche blicken wir weiterhin als unsere Mutter, auch wenn sie entstellt, verachtet und von jenen verraten wird, die sie verteidigen, beschützen, ihr treu sein und sie lieben sollten. Sie haben die Kirchen, wir den Glauben. Und wehe uns, wenn wir, nachdem wir so viele Gnaden von der Vorsehung empfangen haben, uns ihrer als unwürdig erweisen und die Gelegenheiten verpassen würden, uns zu heiligen und das Gute zu tun, das sie uns anbietet.
Erlaubt mir schließlich, an das Fest des Evangelisten Markus zu erinnern, das heute zusammen mit den Bittgebeten begangen wird. Auf der Rückreise von Alexandria in Ägypten, nachdem die venezianischen Kaufleute Buono da Malamocco und Rustico da Torcello die Reliquien entwendet hatten, erschien der heilige Markus einem Mönch an Bord des Schiffes im Traum, warnte ihn vor dem bevorstehenden Ausbruch eines heftigen Sturms und befahl ihm, die Segel zu streichen.
Durch dieses Eingreifen konnte das Schiff vor dem Untergang bewahrt werden. Auch heute befinden wir uns auf einem Schiff, das von schrecklichen Stürmen bedroht ist, ohne Kapitän und von den Offizieren verlassen. Beten wir zum Evangelisten Markus, dass er vor dem Thron Gottes Fürsprache einlegt, damit das Schiff des Petrus der Meuterei und dem Tosen der Wellen standhält, um endlich den sicheren Hafen des Himmels zu erreichen, wo die Jungfrau Janua Cœli (‘Pforte des Himmels’) uns in ewiger Herrlichkeit empfängt. – Amen.
+ Carlo Maria Viganò, Erzbischof
Bassano del Grappa, 25. April MMXXVI
S.cti Marci Evangelistæ
[1] Eine Leiter stand auf der Erde, und ihre Spitze reichte bis zum Himmel; und siehe, die Engel Gottes stiegen auf ihr hinauf und hinab (Gen 28,12).
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