Obediens usque ad mortem

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Qui salutem humani generis in ligno Crucis constituisti:

ut unde morte oriebatur, inde vita resurgeret,

et qui in ligno vincebat, in ligno quoque vinceretur.


Vom Kreuzesholz sollte das Heil des Menschengeschlechts ausgehen:

von einem Baum kam der Tod; von seinem Baum sollte das Leben erstehen;

der am Holz siegte, sollte auch am Holz besiegt werden.

 

Präfation vom Heiligen Kreuz




Wir feiern heute das Fest der Auffindung des Heiligen Kreuzes, das der Familia Christi besonders am Herzen liegt, da sich an diesem Tag der Jahrestag der Priesterweihe des Dieners Gottes Msgr. Giuseppe Canovai im Jahr 1931 und der unseres lieben Don Riccardo Petroni jährt.

 

Die Auffindung – also das Wiederfinden – des Heiligen Kreuzes erinnert an ein historisches Ereignis aus dem Jahr 326, als es Kaiserin Helena, der Mutter Konstantins des Großen, gelang, den Ort in der Nähe von Golgatha zu entdecken, an dem das wahre Kreuz begraben war. Nach der überlieferten patristischen und liturgischen Erzählung (die bei Autoren wie dem heiligen Ambrosius, Rufinus und in der Legenda Aurea von Jacopo da Varagine zu finden ist) wurde das Kreuz nach der Passion des Herrn in eine Grube geworfen oder auf dem Gelände des Kalvarienbergs vergraben, um zu verhindern, dass es zum Gegenstand der Verehrung durch die ersten Christen wurde.

 

Der genaue Ort der Vergrabung des Kreuzes auf Golgatha, der nur einem kleinen, von religiöser Feindseligkeit geprägten Kreis jüdischer Familienangehöriger bekannt war, wurde von Generation zu Generation als streng gehütetes Geheimnis weitergegeben, aus Angst, dass die Entdeckung die Wahrheit des christlichen Glaubens bestätigen könnte. Die heilige Helena rief die führenden Vertreter der jüdischen Gemeinde zusammen und fragte ausdrücklich nach diesem Ort. Alle leugneten es oder taten so, als wüssten sie nichts, außer einem Rabbiner namens Judas (der als Nachkomme oder Enkel von Zachäus, dem Zöllner aus dem Evangelium, bezeichnet wird), der das Geheimnis kannte, weil seine Familie es weitergegeben hatte. Seine Vorfahren hatten die Entscheidung miterlebt oder davon erfahren, die Kreuze nach der Passion zu vergraben, um deren Verehrung zu verhindern. Judas weigerte sich jedoch, sein Wissen preiszugeben. Da ließ die Kaiserin ihn in eine leere Zisterne in der Nähe von Golgatha hinabseilen und entzog ihm Nahrung und Wasser. Nach einer Woche betete der Rabbiner zum Herrn, wurde erleuchtet und erkannte in seinem Inneren die Wahrheit Christi; daraufhin versprach er, den genauen Ort der Kreuzigung zu nennen, und wurde freigelassen. Er wurde vom Bischof von Jerusalem, Makarios, auf den Namen Cyriacus getauft, nach dessen Tod zum Bischof gewählt und erhielt den Titel Inventor Crucis (‘Auffinder des Kreuzes’). Er wurde am 1. Mai 363 unter Kaiser Julian dem Abtrünnigen gemartert, und seine sterblichen Überreste ruhen in der Kathedrale von Ancona, der Stadt, deren Schutzpatron Cyriacus ist. [1]

 

Die heilige Helena ordnete den Abriss des heidnischen Tempels an, der der Venus (oder dem Jupiter) geweiht war und den Kaiser Hadrian auf Golgatha errichten ließ, um den den Christen heiligen Ort zu entweihen und dessen Erinnerung auszulöschen. An der von Ciriaco angegebenen Stelle wurden Ausgrabungen durchgeführt, die eine Zisterne zutage förderten, in die die Kreuze (das von Jesus und die der beiden Diebe) geworfen worden waren, zusammen mit den Nägeln der Kreuzigung, der Dornenkrone und dem titulus Crucis (der Inschrift Jesus Nazarenus Rex Judæorum). Um das wahre Kreuz zu identifizieren, ließ Helena einen Schwerkranken herbeibringen, der beim bloßen Berühren des Kreuzes unseres Herrn augenblicklich geheilt wurde, was die Echtheit der kostbaren Reliquie bestätigte.[2]

 

Drei Jahrhunderte später, im Jahr 614, wurde während des Krieges gegen die sassanidischen Perser die von Konstantin und der heiligen Helena erbaute Grabeskirche in Brand gesteckt und verwüstet. Die Reliquien des wahren Kreuzes wurden als Beute in die Hauptstadt Ctesiphon gebracht und entweiht, indem man sie rechts vom Thron des Chosrau anbrachte, während links eine Säule aufgestellt wurde, die von einem Hahn gekrönt war (in dieser Parodie ein Symbol für den Heiligen Geist). Khosrau selbst saß in der Mitte und ließ sich als „Gottvater“ verehren, wobei das Kreuz den Sohn zu seiner Rechten und der Hahn den Heiligen Geist symbolisierte. Diese gotteslästerliche Entweihung der Heiligen Dreifaltigkeit blieb nicht ungestraft: Im Jahr 628 besiegte Kaiser Heraklius nach einem heldenhaften Feldzug die Perser in der Schlacht von Ninive. Khosrau II. wurde von seinem Sohn Schirō abgesetzt und enthauptet. Als Teil der Friedensbedingungen erreichten die Byzantiner die Rückgabe des wahren Kreuzes. Heraklius brachte es am 14. September 629 persönlich nach Jerusalem zurück, betrat die Basilika barfuß und in Büßergewändern, um das Kostbare Holz an seinem Ursprungsort feierlich zu verehren. An dieses historische Ereignis wird am Fest der Kreuzerhöhung erinnert.[3]

 

Aber warum – so können wir uns fragen – diese ganze Verbissenheit gegen das Kreuz, an dem der Erlöser festgenagelt wurde und starb? Weil er drei Tage später wirklich von den Toten auferstanden ist. Unser Herr hat den Tod und die Sünde besiegt, indem er sich dem schändlichsten Schafott stellte, das den Sklaven vorbehalten war, und ein Instrument des Todes in ein Mittel der Erlösung verwandelte: Du hast das Heil der Menschheit in das Holz des Kreuzes gelegt, damit dort, wo der Tod entstanden war, auch das Leben wieder auferstehe; und derjenige, der auf dem Holz gesiegt hatte, auf dem Holz auch besiegt werde. Die Worte der Präfation vom Heiligen Kreuz erinnern an den Introitus: Nos autem gloriari oportet in cruce Domini nostri Jesu Christi: in quo est salus, vita, et resurrectio nostra: per quem salvati, et liberati sumus. Wir müssen uns rühmen – oportet, wir müssen! – des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus: in dem das Heil, das Leben und unsere Auferstehung sind; durch ihn sind wir gerettet und befreit. So wie das Holz des Baumes im Garten Eden Adam und seinen Nachkommen den Tod gebracht hatte, so hat der neue Adam am Holz des Kreuzes Satan besiegt und ihm jene entrissen, die sich in Christus mit dem neuen Menschen bekleiden, der nach dem Bild Gottes in der Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wahrheit geschaffen ist (Eph 4,24).

 

Und doch reichte das Zeugnis derer, die unseren Herrn nach der Auferstehung gesehen, gehört und berührt hatten, nicht aus, um die verhärteten Herzen derer zu bewegen, die sich weigerten, Ihn als Gott, König und Messias anzuerkennen, und die den Ort, an dem das Heilige Kreuz begraben worden war, geheim hielten. Diese Holzstücke waren vom Blut des Lammes durchtränkt, vom Ewigen Priester als Altar des vollkommenen Opfers geweiht. Sie konnten – wie sie es dann auch wurden – zum Gegenstand der Verehrung werden, zu einer kostbaren Reliquie, die Kranke heilt, Tote auferweckt, Dämonen vertreibt. Und es war der Thron, auf dem der göttliche König in Majestät thronte: regnavit a ligno Deus. Ein Thron der Qualen, die Dornenkrone, der scharlachrote Mantel der Verrückten, das Zepter aus einem Schilfrohr, das Kreuz, das in sich die Torheit der Passion zusammenfasst, ein Ärgernis für die Juden, eine Torheit für die Heiden (1.Kor 1,23), in dem jedoch die Herrlichkeit der göttlichen Liebe erstrahlt, Gottes selbst, der Fleisch wird und sich opfert, um uns zu erlösen, und der alle aufruft, unserem Herrn nachzueifern, ihm auf dem Weg nach Golgatha zu folgen, das Leben für die Freunde zu geben (Joh 15,13).

 

Das Kreuz ist das Gegenteil dessen, was uns die Welt vorschlägt. Die ersten Märtyrer umarmten dieses Kreuz im Blut und vermehrten so die Ernte auf dem Feld des Herrn: Sanguis Martyrum semen Christianorum. (‘Das Blut der Märtyrer ist der Same der Christen’). Deshalb musste das Kreuz begraben, vergessen und beseitigt werden: denn es ist der Ursprung der Kirche, die in der heiligen Messe das Opfer von Golgatha zur Erlösung der Seelen vollzieht. Das Kreuz ist der Ursprung des Heldentums der Märtyrer, der Standhaftigkeit der Bekenner, der Keuschheit der Jungfrauen, der Weisheit der Könige und Fürsten, der Gerechtigkeit der Richter, der Treue der Eheleute, der Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit der Christen. Ohne das Kreuz, ohne das Beispiel unseres Herrn, der dem Vater bis zur Selbstaufopferung gehorsam war, hätte kein Opfer, keine Strafe, keine Prüfung einen Sinn, und es würden Rebellion und Chaos herrschen.

 

Aber ist es nicht genau das, was auch heute geschieht? Gibt es nicht immer noch viele, die, obwohl sie wissen, wo sich das Kreuz befindet, es verbergen, es leugnen, angefangen bei den Spitzen der konziliaren und synodalen Kirche? Der ständige Widerstand der Welt gegen das Geheimnis der Erlösung und insbesondere gegen das Kreuz ist das Kennzeichen des Wirkens Satans, ist der Aufschrei der Rebellion gegen das fleischgewordene Wort: Er hat andere gerettet, sich selbst kann er nicht retten! Er ist der König Israels; er soll jetzt vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben (Mt 27,42).

 

Die Welt verbirgt das Kreuz weiterhin, nicht mehr materiell, sondern symbolisch, kulturell, rechtlich. Das Kreuz wird systematisch aus dem öffentlichen Raum entfernt: aus Schulen, Krankenhäusern, Gerichten, auf Plätzen. Es wird aus dem medialen Diskurs ausgeschlossen, bestenfalls auf ein bloßes Kunstobjekt reduziert; oft wird es als Symbol des Obskurantismus (‘Bewusstes Streben, um die Menschen im Unwissen zu halten’) oder der Unterdrückung verspottet, wenn es nicht gar von sakrilegischen Händen entweiht wird. Die Gesetze über die blasphemische Laizität des Staates, die Kampagnen zur „Entchristlichung“ des Kalenders und des Bildungswesens, die Streichung christlicher Bezüge aus den Verfassungen der Nationen und den Grundrechtecharten sind ebenso viele „Tempel der Venus“, die auf dem Kalvarienberg der Geschichte errichtet wurden. Man entweiht den Ort der Erlösung, um zu verhindern, dass das Kreuz weiterhin die Seelenkranken heilt, dem Leid einen Sinn gibt, den Feind fernhält und auf ein ewiges Ziel hinweist.

 

Und doch gibt es diejenigen, die wissen, wo sich das Kreuz befindet – Institutionen, Intellektuelle, Pädagogen, Meinungsmacher –, die es jedoch allzu oft unterlassen, es zu offenbaren, oder es bewusst verbergen, genau wie der Rabbi Judas. Dieser Versuch, die Realität des Kreuzes zu verbergen, ist motiviert durch eine völlig säkularisierte Mentalität, durch sozialen Konformismus, durch die Angst, ausgegrenzt zu werden, oder durch eine regelrechte innere Apostasie. Der Grund ist im Wesentlichen theologischer Natur und hat seine Wurzel im Evangelium selbst: Das Licht ist in die Welt gekommen, aber die Menschen haben die Finsternis dem Licht vorgezogen, weil ihre Werke böse waren (Joh 3,19). Das Kreuz steht für das Ärgernis der Erlösung durch das Leiden: Es steht in radikalem Gegensatz zum Hedonismus, zum Kult des Egos und seiner Leidenschaften, zur Illusion eines Daseins ohne Gott und ohne Kreuz. Das Kreuz steht für den Gehorsam und die Demut Christi: Es widersetzt sich dem zeitgenössischen Titanismus (‘Größenwahn’) der Chimäre der absoluten Selbstbestimmung und dem Anspruch des Menschen, sich selbst zum Gott zu machen. Das Kreuz steht für die Notwendigkeit der Bekehrung und des Opfers: Es entlarvt somit den moralischen Relativismus und den Anspruch auf ein Heil ohne Erlösung, ohne Reue und ohne Gnade. Das Kreuz steht schließlich für die Herrschaft Christi über die Geschichte: Es erinnert daran, dass jede irdische Macht vergänglich ist und dem Urteil des Kreuzes unterliegt – etwas Unerträgliches für eine Welt, die sich selbst vergöttert hat.

 

Wundern wir uns also nicht, wenn im Einklang mit dieser tiefsitzenden Abneigung gegen das Kreuz auch die reformierte Liturgie den Opfercharakter der Messe ausgelöscht oder in den Hintergrund gedrängt hat, bis hin dazu, das Kreuz an eine Seite des Presbyteriums zu verbannen oder das Bildnis des Auferstandenen zu zeigen, der vom Kreuz abgenommen wurde – denken wir an die Ferula (‘Kreuzstab’) von Leo… Aus diesem Grund bezeichnet sich der Novus Ordo als ‘eucharistische Feier’ und ‘Abendmahl’, während er die katholische Bezeichnung „Heiliges Messopfer“ verabscheut, bei dem sich alles um das Kreuz dreht: Stat Crux dum volvitur orbis (‘Das Kreuz steht fest, während sich die Welt dreht’).

 

Das Kreuz strahlt nun auch auf der Stirn von Giovanni, der mit dem Heiligen Chrisam als miles (‘Soldat’) Christi bestätigt wurde. Das sakramentale Zeichen – unauslöschliches Siegel der Adoptivkindschaft – macht dich, lieber Giovanni, zum Eigentum der Heiligsten Dreifaltigkeit und bestätigt zugleich in dir den Heiligen Geist als Unterpfand und Kaution (2.Kor 1,22; 2.Kor 5,5; Eph 1,13-14), und zwar nicht als teilweises oder vorläufiges Geschenk, sondern als wirkliche Vorwegnahme des vollen eschatologischen Erbes: das ewige Leben, die Auferstehung des Leibes und die endgültige Gemeinschaft mit Gott. Möge dieses Unterpfand der Gnaden und übernatürlichen Gaben Anlass zu vertrauensvollem Gehorsam gegenüber dem heiligen Willen Gottes sein, nach dem Vorbild des göttlichen Meisters und seiner erhabenen Mutter, der Regina Crucis (‘Königin des Kreuzes’), die gestern in Mitleiden litt und heute in der ewigen Herrlichkeit des Himmels triumphiert, zu der wir alle berufen sind. - Amen.

 

 

+ Carlo Maria Viganò, Erzbischof

Viterbo, 3. Mai MMXXVI

Am Fest der Auffindung des Heiligen Kreuzes,

4. Sonntag nach Ostern


 

 

[1] Die Geschichte von Judas/Cyriacus taucht erstmals in embryonaler Form in der Grabrede des heiligen Ambrosius für Theodosius (395) und bei Rufinus von Aquileia auf; ihre vollständige Gestalt erhält sie in den Acta Judas Cyriaci (5. Jahrhundert) und in der Legenda Aurea. Obwohl es sich um eine hagiografische Überlieferung und nicht um eine strenge historische Chronik handelt (Eusebius von Caesarea, ein Zeitgenosse, erwähnt sie nicht), wird sie vom Römischen Brevier einstimmig in den Lesungen der Laudes zum Fest der Auffindung des Heiligen Kreuzes aufgenommen und hat die christliche Frömmigkeit über Jahrhunderte geprägt. Der heilige Cyriacus erlitt zusammen mit seiner Mutter Anna nach grausamen Qualen (darunter das Trinken von geschmolzenem Blei) den Märtyrertod. Der Leichnam wurde am Golgatha beigesetzt. Die Überreste des Heiligen Cyriacus wurden im 5. Jahrhundert (um 418 oder 433-435) auf Veranlassung von Galla Placidia von Palästina nach Ancona überführt. Die Stadt hatte um die Reliquien des Heiligen Stephanus gebeten, erhielt jedoch stattdessen die des Cyriacus als Zeichen kaiserlicher Gunst. Die Reliquien wurden zunächst in der Kirche Santo Stefano aufbewahrt, dann in den ihm geweihten Dom (auf dem Hügel Guasco) überführt, wo sie noch heute in der Krypta ruhen. Der Leichnam wird am 4. Mai, dem Tag des Patronatsfestes (im Anschluss an das Fest der Auffindung des Heiligen Kreuzes), feierlich ausgestellt.


[2] Die heilige Kaiserin teilte das Kreuz in drei Teile: Ein Teil verblieb in Jerusalem (aufbewahrt im Komplex des Heiligen Grabes), ein Teil wurde nach Konstantinopel gesandt und der dritte Teil wurde zusammen mit anderen Reliquien der Passion (Kreuzfragmente, ein Nagel, ein Teil der Dornenkrone und der titulus) zusammen mit Erde vom Kalvarienberg nach Rom gebracht. Alle authentischen Reliquien des wahren Kreuzes stammen aus diesen drei Teilen.


[3] Bezeichnenderweise wurde das heutige Fest 1960 von Johannes XXIII. abgeschafft. Vgl. Acta Apostolicæ Sedis 52, 1960, S. 707.

 


 


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